Die Geschichte der Freiheit

“Nach 74 Jahren an autoritärem Kommunismus, in dem bürgerliche Freiheiten missachtet und abweichende Meinungen nicht toleriert wurden, zerfiel die Sowjetunion innerhalb eines einzigen außergewöhnlichen Jahres – 1989.

Über Jahrzehnte hinweg wuchs unter den Menschen die Enttäuschung mit der UdSSR, die nicht nur ihre persönliche Freiheit stark einschränkte, sondern auch nicht für ihr tägliches Brot sorgen konnte. Nach und nach sammelten die Menschen genug Mut, um zu rebellieren und brachten so einen Stein ins Rollen, der die Welt für immer verändern würde.

Risse im Eis entstehen

Als Michail Gorbatschow 1985 zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion ernannt wurde, scheiterte die Wirtschaft des Landes an einem verheerenden Krieg in Afghanistan und überhöhten Verteidigungsausgaben. Um einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zu vermeiden, förderte Gorbatschow die Ideen von Perestroika – Umstrukturierung, vor allem des sowjetischen Wirtschaftsmodells, aber auch des politischen Systems – und Glasnost, oder Offenheit

Im Rahmen dieser Reformen gab er auch die Politik der Sowjetunion auf, die kommunistische Herrschaft in den Ländern des Ostblocks bei Bedarf gewaltsam zu erhalten. Die Menschen spürten, dass Veränderung in der Luft lag.

Menschen mobilisieren sich

Als Menschen merkten, dass die Einstellungen in den obersten Führungskreisen langsam auftauten, fingen sie an sich zu organisieren. Sie erkannten, dass sie mehr erreichen konnten, wenn sie zusammenhielten.

In Polen streikten die Arbeiter im Mai 1988, nachdem von der Regierung verhängte massive Preiserhöhungen zu Engpässen in den Geschäften und zunehmender öffentlicher Wut geführt hatten. Die Unruhen zwangen die Regierung, Gespräche mit der massiven Gewerkschaft Solidarność aufzunehmen, die ein Drittel der polnischen Bevölkerung repräsentierte und die sie zuvor zu zerschlagen versucht hatte.

Als Gorbatschow im Dezember bei den Vereinten Nationen den Rückzug sowjetischer Truppen aus Osteuropa ankündigte, signalisierte dies den Menschen dort, dass ihre Forderungen nach Demokratie wahrscheinlich nicht mit sowjetischer Gewalt begegnet werden würden.

Das Kartenhaus beginnt zu fallen.

Die Ereignisse in Polen beschleunigten den Wandel im nahen Ungarn, wo Károly Grósz im Mai 1988 Generalsekretär der dortigen Kommunistischen Partei wurde. Er leitete ein „Demokratiepaket“ ein, das mehr Freiheitsrechte versprach.

Die Solidarność wurde in Polen legalisiert und halbfreie Wahlen im Sommer zugelassen. Die drei baltischen Länder Lettland, Litauen und Estland erklärten sich im Mai unabhängig und Gorbatschow kündigte im Juli an, dass jedes Land des ehemaligen Ostblocks seinen eigenen Weg zum Sozialismus gehen könne.

 

Revolution liegt in der Luft

Solidarność übernahm im September 1989 die Macht in Polen. Menschen in Ostdeutschland erkannten, dass Wandel möglich war und begannen für freie Wahlen zu demonstrieren. Präsident Honecker blieb zunächst standhaft, aber als Gorbatschow seinen Antrag auf militärische Intervention zur Unterdrückung des Aufstands ablehnte, konnte Honecker die wachsenden Proteste nicht länger unterdrücken.

Zwei Monate später fiel die Berliner Mauer – ein mächtiges Symbol für den Eisernen Vorhang und der sowjetischen Unterdrückung – und beendete so die 30-jährige Teilung Deutschlands. Ostdeutschen konnten endlich frei in den Westen reisen und auseinandergerissene Familien wieder vereint sein.

Gegen Ende des Jahres hatte die Samtene Revolution in der Tschechoslowakei dazu geführt, dass Václav Havel zum Präsidenten ernannt wurde, während der kommunistische Präsident Rumäniens, Ceaușescu, in einem blutigen Staatsstreich abgesetzt und hingerichtet wurde.

Der Kalte Krieg ist vorbei.

Es war kaum zu glauben, dass nur drei Jahre nach dem Streik der Polen der Warschauer Pakt aufgelöst wurde und – am 26. Dezember 1991 – die Sowjetunion nicht mehr existierte.

Dies war der größte politische Umbruch, den Europa seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt hatte. Obwohl viele den Fall des Kommunismus feierten, standen turbulente Jahre bevor. Alle mussten sich an neue politische Systeme, Marktwirtschaften, Inflation und eine komplette Umstrukturierung des Arbeitsmarktes gewöhnen. Die Kluft zwischen Arm und Reich wuchs, und einige wollten zu den bequemen Gewohnheiten der Vergangenheit zurückkehren.

Aber jetzt, 30 Jahre später, genießen Millionen von Europäern die Freiheiten, von denen ihre Eltern und Großeltern unter kommunistischer Herrschaft nur träumen konnten. Wir sind frei zu wählen, zu protestieren, zu lieben und zu beten. Wir können ohne Angst denken, sprechen und handeln. Deshalb ist es wichtig, sich daran zu erinnern, wie diese Freiheiten gewonnen wurden, und sicherzustellen, dass wir sie verteidigen, damit wir sie noch viele Jahre lang genießen können.

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